DER DRITTE WEG

19.10.2016

Lesezeit: etwa 2 Minuten

Ausstellung „Martin Luther und das Judentum“

Merkwürdig ist es schon: der allseits bekannte Antisemitismus Martin Luthers hat die evangelische Kirche wenig beschäftigt. Wo sonst jede judenfeindliche Äußerung zum Ausschluß führt, blieb Luther unangefochten der große Kirchenlehrer und Religionsstifter. In den letzten Jahren allerdings schwindet diese Ignoranz. Eine Ausstellung in der Matthäus-Kirche in Berlin (bis 31. Oktober) ist symptomatisch für das Bedürfnis, nun auch Luther zu „bewältigen“, und zwar möglichst so, daß die Schäfchen weiterhin evangelisch bleiben – oder es mit gesteigertem Interesse wieder werden können.

Die Ausstellung ist sehr textlastig, große Wände sind aufgestellt, allerdings mit zahlreichen Bildern versehen – Reproduktionen – von denen manche eindrucksvoll sind. Zum Beispiel die mehrmalige Abbildung der sogenannten „Judensau“, ursprünglich tatsächlich ein Tier, ein weibliches Schwein, an dessen Zitzen die Juden angeblich saugen. Das ist umso unverständlicher, als die jüdische Religion doch das Essen von Schweinefleisch streng verbietet und das Schwein als unreines Tier betrachtet. Wahrscheinlich wollte man die Juden durch diese Nachbarschaft besonders beleidigen. Weiter gibt es Darstellungen von Lucas Cranach, der die Entgegensetzung von „Gesetz und Evangelium“ im Sinne von Verurteilung und Gnade mehrmals ins Bild holt. Gerichtet ist es wieder gegen die Thora.

Was Luther betrifft, erfährt man auch Neues. Er war nicht immer gegen die Juden wie in seiner bekannten Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, sondern hatte 20 Jahre zuvor einen Text verfaßt mit dem Titel „Daß Jesus Christus auch ein Jude gewesen sei“. Darin wollte er für sein reformiertes Christentum werben und hoffte, daß viele Juden nun zu ihm übertreten würden. Richtig ist sicherlich, daß die protestantische Lehre dem Judentum näher ist als der fast schon heidnische Katholizismus. Doch die Juden blieben bei ihrer alten Religion, und Luther war stark enttäuscht. Seitdem ist seine Einstellung negativ.

Wenn er den Juden das „Lügen“ vorwirft, so sind damit keineswegs politische Lügen gemeint, sondern es geht immer um die Deutung des Alten Testaments. Luther wollte nämlich nachweisen, daß im Alten Testament bereits der Keim des Neuen angelegt ist, und daß man das Alte ohne das Neue gar nicht richtig verstehen kann. Die Juden behaupten selbstverständlich die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Alten Testaments, und das ist für Luther die „jüdische Lüge“.

Wer sich in der Geschichte des Antisemitismus bilden will, sollte sich umsehen, ob auch in seiner Stadt Zeichen der Luther-Bewältigung zu finden sind, und was da an Volkskunde zum Vorschein kommt.

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